Natur? Am besten rund um die Uhr!

Welche großen Auswirkungen ein eigener Garten auf die Seele des Menschen hat, erklärt Wohnpsychologe Dr. Deinsberger-Deinsweger im Interview.

Wie wichtig ist ein Garten für die Psyche des Menschen? Wieviel Natur braucht der Mensch?

Das Naturbedürfnis kennt keine Grenzen nach oben. Aus evolutionärer Sicht ist der Mensch ein Naturwesen. Wir Menschen haben schon immer die meiste Zeit unseres Lebens in der Natur verbracht und das prägt uns bis heute. Unser gesamtes Sensorium ist auf die Natur abgestimmt. Deshalb gibt es Mindestwerte an Naturbedürfnis. Freilich kann man diese nicht in exakten Mengen angeben, denn es hängt auch viel von der Qualität des Naturerlebnisses ab. Empfehlenswert ist es aber dennoch, mindestens 30 Minuten bis eine Stunde pro Tag im Grünen oder naturnahen Bereichen zu verbringen.

Es ist beeindruckend, wieviel Freude einigen Menschen die Arbeit im Garten bereitet: Besonders wenn es um private Nutzpflanzenzucht geht. In Zeiten der Massenproduktion ist es auf einmal wieder ein Erlebnis, selbst gezüchtetes Gemüse zu essen. Kann man dieses Arbeits-Freude-Phänomen auch psychologisch erklären?

Ja, hier gibt es Antworten aus der Wissenschaft der Psychologie:

  1. Naturkontakt: Die positiven Auswirkungen auf die Psyche sind schon längst erwiesen.
  2. Gestaltungsbedürfnis: Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis dahingehend, Dinge selbst zu gestalten – dafür eignet sich beispielsweise auch ein Garten sehr gut.
  3. Das sogenannte „beantwortete Wirken“ schließt unmittelbar an das Gestaltungsbedürfnis an. Für Menschen ist es ein besonders erhebendes Gefühl, das Ergebnis des eigenen Handelns wahrzunehmen. Dies erklärt, warum die selbst angebaute Karotte aus dem Hochbeet am besten schmeckt.
  4. Das „Erleben der eigenen Wirksamkeit“ – wie es in der Gestalttherapie genannt wird. Der Mensch hat das Gefühl, Handlungen erfolgreich selbst ausführen zu können – wie eben beispielsweise den Ackeranbau auf engstem Raum in einem Hochbeet oder einem kleinen Garten.

All diese Punkte wirken sich positiv auf das Wohlbefinden der Menschen aus und ergänzen einander bei der Gartenarbeit.

Es gibt Lehrgänge für Gartentherapie oder Naturpsychologie. Inwiefern wirkt Natur therapeutisch?

Natur und Garten haben tatsächlich therapeutische Effekte – wobei Gartenarbeit aufgrund der gestalterischen Wirkung deutlich mehr Auswirkungen hat. Bei kranken Menschen werden positive Effekte auf den Heilungsprozess wahrgenommen. Natur wirkt stressreduzierend und beschleunigt regenerative Prozesse. In vielen Untersuchungen wurde festgestellt, dass Patienten, deren Therapien von Naturerlebnissen begleitet werden, weniger Schmerz- oder Schlafmittel benötigen. Auch die sogenannten neuen Volkskrankheiten wie Burn Out oder Depression können zumindest gemildert werden. Doch Natur sollte nicht bloß als Therapie für Kranke gesehen werden. Auch gesunde Menschen benötigen Landschaftserlebnisse, um ihr Wohlbefinden zu steigern.

Gibt es auch allgemeine Erkenntnisse, welche Pflanzen oder Möglichkeiten der Gartendekoration besonders gut auf Menschen wirken? Oder ist jeder glücklich, wenn er seinen Garten nach seinem Geschmack einrichtet?

Jeder Mensch soll seinen Garten so gestalten, wie es für ihn stimmig ist. Meine Empfehlung dafür lautet: Möglichst hohe Artenvielfalt zu integrieren, denn dies wirkt sich wahrnehmungspsychologisch deutlich stärker als eine sortenreine, ebene Rasenfläche aus – beispielsweise hinsichtlich Entspannungsförderung. Bei größeren Gärten oder auch bei öffentlichen Nutzflächen ist eine Strukturierung in Bereiche empfehlenswert. So können die Bereiche verschiedenste Themen wie Entspannung, Kommunikation, Essen und Spielen abdecken.

Der Garten ist leider nicht immer ein Erholungsort, sondern in manchen Fällen auch ein Nährboden für Nachbarschaftsstreit. Schlagwort „Schrebergartendenken“. Wie ist dieses Phänomen zu erklären?

Das hat weniger mit Garten, aber umso mehr mit der sogenannten Zonierung zu tun. Die Grenze „privat an privat“ ist bisweilen konfliktfördernd, wenn keine positiven Interaktionen mit der Gemeinschaft gefördert werden. Man nimmt dann häufig im Setting namens Schrebergarten den Nachbarn nur wahr, wenn er stört – beispielsweise durch Lärm. Konkurrenz- oder Neiddenken können überhand nehmen, wenn es darum geht, einen besseren oder schöneren Garten als der Nachbar zu haben. Das sogenannte Schrebergartendenken ist ein Synonym für soziale und räumliche Isolation und Abschottung und diese fördert oft Missverständnisse. Aber das muss nicht so sein, es gibt auch viele Beispiele, wo Menschen friedlich nebeneinander agieren. Mein Tipp für alle Schrebergärtner: Schaffen Sie – so es möglich ist – auch gemeinsame Nutzflächen und setzen Sie gemeinsame Aktivitäten mit den Nachbarn. So können positive Kontakte und Vertrauen entstehen.

 


 

Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger – Wohnpsychologe

Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger
Hat ein interdisziplinäres Studium zu den Themen „Wohnbau“ und „Psychologie“ absolviert und kombiniert heute in seiner Lehrtätigkeit an mehreren Universitäten seine Expertise in diesen beiden Gebieten.

Im Wohnportal betrachtet er Wohnbauthemen durch die wissenschaftliche Brille und hebt dabei viele psychologische Facetten hervor, an die man sonst nicht denkt.

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