“Meine Vision: Essbare Gebäude”

Vertikaler Gemüseanbau entlang der Hausmauer? Ja, das geht, erklärt der Biologe Dr. Herler. Sein Geheimtipp: Mit Vertikalbeeten kann man ganzjährig auf engstem Raum anbauen und eine Selbstversorgung mit einer Auswahl an Gemüse herstellen.

Kann man sich durch vertikale Gemüsebeete tatsächlich selbst versorgen? Wieviel Anbaufläche benötige ich, um ausreichend Gemüse für den Eigenbedarf zu pflanzen?

Eine komplette Selbstversorgung mit pflanzlicher Kost würde, je nach Ernährungsweise, über 100 Quadratmeter Fläche pro Person in Anspruch nehmen. Mit einigen Quadratmetern vertikaler Anbaufläche kann ich aber dennoch eine Selbstversorgung mit gesunden Küchen-, Gewürz- und Salatkräutern und dem einen oder anderen Blattgemüse und Kleinobst erreichen.

Wie hoch ist der Zeitaufwand für einen „Hobby-Vertikalbeet-Bauern“?

Gering. Das Füllen oder frische Erde einmischen eines kleinen oder mittleren Vertikalbeetes kostet ein bis zwei Stunden pro Jahr. Pro Tag brauche ich eine Minute zum Gießen, wenn das nicht automatisiert läuft, und ein paar Minuten zum Ernten.

Ist ein ganzjähriger Gemüseanbau möglich? Welche Nutzpflanzen eignen sich?

In einem Vertikalbeet an der Wand kann ich auch ohne große weitere Hilfsmittel im Winter Gemüse anbauen. Dazu zählen auch äußerst gesunde Wintersalate, die es im Handel nicht gibt. Qualität geht auch hier vor Quantität. Ich empfehle gerne Pflückgemüse. Diese pflanzt man einmal und erntet viele Monate oder sogar Jahre. Dazu zählen nicht nur Kräuter und Salate, sondern zum Erstaunen vieler Leute auch Stangensellerie, Fenchel, einige Kohlarten und ähnliche energiereiche Pflanzen, die laufend oder mehrmals austreiben können.

Die größten Pflanzen, die ich selbst erfolgreich gezogen habe, sind Kohlgemüse, Zucchini, Tomaten und Rhababer. Auch Karotten und Rote Rüben sind gewachsen. Im Winter setze ich am Haus sehr gerne die äußerst gesunden Asia-Salate. Da kostet der Kilo im Handel 20 Euro.

 

Dr. Jürgen Herler

© Herbios

 

Ist ein „Vertikalbeet“ ein teures Hobby oder rechnet sich das irgendwann mal?

Dieser rein wirtschaftlichen Frage muss auch die ökologische und gesundheitliche Frage gegenübergestellt werden. Wenn ich billigstes Importgemüse der Produktivität meines Vertikalbeetes zu Hause gegenüberstelle, werde ich kaum zum „break even“ kommen. Aber ist das die Frage, die man sich im Sinne der Nachhaltigkeit stellen sollte? Stellen wir doch folgende Fragen: Was ist der Preis eines direkt vor dem Verzehr geernteten, voll vitaminhaltigen, nicht transportierten, unverpackten Gemüses, das keinen Abfall verursacht? Von dem ich nur ernte, was ich gerade brauche. Über Monate oder Jahre hinweg. Und wie hoch sind dessen Kosten, wenn es nicht aus einem beheizten und künstlich beleuchteten Glashaus kommt, sondern von der Grünwand neben der Tür? In Bio-Komposterde gewachsen. Was ist die Freude eines Kindes wert, wenn es die Erdbeeren frisch von der Pflanze am eigenen Balkon isst? Erst wenn wir diese Antworten haben, finde ich einen Vergleich überhaupt gerechtfertigt.

Gibt es Menschen, die Bedenken wegen Insekten oder Ungeziefer in Zusammenhang mit Vertikalbeeten äußern?

Ich höre das eher selten. Das hat aber vermutlich damit zu tun, dass ich als Biologe ein tiefes Vertrauen gegenüber der Natur ausstrahle. Daher ziehe ich wohl eher auch solche Menschen und Kunden an. Dann gibt es aber auch Lösungen für empfindlichere Leute hinsichtlich der Pflanzenauswahl.

Vertikalbeet-Lösungen sind auch an Hausmauern in urbanen Gegenden möglich. Glauben Sie, wird das bald zu einem Trend?

Das ist schon längst im Gange. Damit Grünwände auch essbar werden, müssen aber noch einige Entwicklungen passieren. Dafür engagiere ich mich sehr stark. Multifunktionalität von Begrünungen verbessert auch das Kosten/Nutzenverhältnis und die Ökobilanz solcher Systeme. Das ist eine meiner Expertisen. Meine große Vision sind „essbare“ Gebäude.

Dr. Jürgen Herler, studierter Biologe und Geschäftsführer von HERBIOS e.U., einem Spezialisten für Vertikalbeete – siehe www.vertikalbeet.at

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