„Mehr Renovierungen, weniger Neubau“

Die Ausstellung „Boden für Alle“ des Architekturzentrums Wien zeigt Wege, wie man Boden wertschätzender nutzen kann und damit landwirtschaftliche Flächen vor Verbauung schont und Wohnraum wieder leistbarer macht.

Die Kuratorinnen Karoline Mayer und Katharina Ritter skizzieren im Wohn-Portal Interview ihre Konzepte für einen nachhaltigen Umgang mit dem kostbaren Gut namens „Boden“.

Sie zeigen Best Practice Beispiele, wie Grund und Boden effizienter und ökologisch verträglicher genutzt werden kann. Können Sie einige Beispiele nennen? Welche Vorzeigeprojekte davon werden in Österreich umgesetzt?

Mayer: Unter anderem präsentieren wir 16 Best Practice Projekte, davon sieben aus Österreich. Darunter der Forschungsbauernhof Grand Farm nahe Krems, wo neben dem Einsatz von Gründüngung und diversifizierter Fruchtfolge auf den Einsatz des Pfluges verzichtet wird – mit dem Ziel, die Resilienz unserer Lebensmittelversorgung zu erhöhen. Ein anderes Projekt namens „Unter der Bahn“ zeigt, wie Nachverdichtung auch im ländlichen Raum aussehen kann. In der kleinen Einfamilienhaussiedlung im vorarlbergerischen Götzis leben zurzeit nur mehr 19 Personen, da die Kinder schon längst ausgezogen sind. Die beiden Architekten Nicole Rodlsberger und Johannes Sebastian Vilanek haben das Areal analysiert und mehrere Varianten der Nachverdichtung erarbeitet, die die gemeinsame Grünfläche erhalten und Wohnraum für bis zu 80 Personen bieten. Ein weiteres Projekt liegt im niederösterreichischen Gutenstein, wo wir eine „Ortserneuerung von unten“ erleben. Ein Start-up-Unternehmen ist von Wien mit seiner Produktion ins Dorf gezogen und bemüht sich um ein neues Verständnis von Dorfleben. Unter anderem wurde das ehemalige Gasthaus mittels Vermögenspool gekauft und wird zum multifunktionalen Gemeindezentrum umgebaut. Zahlreiche leerstehende Häuser werden mittlerweile saniert und bald wieder bewohnt.

Welche Auswege empfehlen Sie aus dem Dilemma der zunehmenden Verbauung von Grünlandschaften? Was muss auf politischer Ebene geändert werden? Was kann jeder Einzelne beitragen?

Mayer: Auf politischer Ebene gäbe es zahlreiche Möglichkeiten für ambitioniertere Regelungen. Grundsätzlich wäre aber die Anwendung der bereits bestehenden Gesetze schon ein ganz wesentlicher Schritt in die richtige Richtung.

In der Schweiz gibt es beispielsweise eine Regelung, wonach Neuwidmungen von Bauland bei gleichzeitigem Baulandüberhang nur mehr möglich sind, wenn im Gegenzug gleich viel unbebautes Bauland in Grünland rückgewidmet wird. Ebenso wäre es sinnvoll, wenn der Bund oder die Länder jeder Gemeinde ein Maximum an Bauflächen zuteilt, um der Baulandwidmung klare Grenzen zu setzen. Weiters sollte das aktuelle Konzept der öffentlichen Förderungen überdacht und so geändert werden, dass statt dem freistehenden Einfamilienhaus auf der grünen Wiese eher Renovierungen und Bauen im Bestand gefördert werden.

Jeder einzelne von uns kann schon in seinem Lebensalltag beim Konsumverhalten beitragen, den regionalen Handel zu fördern, anstatt im Internet zu bestellen. Bei Wohnentscheidungen könnte man z.B. auf bestehende Immobilien im Ortskern setzen und diesen beleben, anstatt am Ortsrand neu zu bauen.

Sie behaupten, man könnte bei einer Auslastung von 4,1 Personen pro Haushalt die gesamte österreichische Bevölkerung in Einfamilienhäusern unterbringen. Das ist Theorie. Welche Konzepte gibt es in der Praxis, um die bestehenden Einfamilienhäuser stärker auszulasten?

Ritter: Diese Fakten haben wir von Statistik Austria und wir waren zunächst auch sehr überrascht. Die Konzepte lauten kurzgefasst: Den aktuellen Wohnbestand maximal nutzen, leerstehende Spekulationsobjekte unterbinden, den Bestand an Einfamilienhäusern sanieren, umbauen und weiterbauen und natürlich auch eine deutliche Reduktion an völlig untergenutzten Freizeitwohnsitzen.

Investitionen in Eigentumsimmobilien – auch Zweithäuser – haben aus Sicht des Eigentümers zahlreiche Vorteile wie Wertsteigerung, Möglichkeit zur Benutzung und zum Weitervererben.

Mayer: Die steigenden Immobilienpreise sind aus Sicht der Immobilieneigentümer zwar vorteilhaft, doch sie bedeuten auch eine Erhöhung der Wohnkosten. Wenn die Miet- und Kaufpreise der Immobilien so hoch sind, dass Mitarbeiter der sogenannten kritischen Infrastruktur wie Feuerwehrleute, Krankenpfleger oder pädagogisches Personal sich diese nicht mehr leisten können, so steht man vor schwerwiegenden Problemen.

Kann man den Trend der Landflucht aufhalten? Bewegungen vom Land in die Stadt sind vor allem bei der jungen Generation aufgrund der Ausbildungs- und Jobangebote nachvollziehbar.

Ritter: Gerade jetzt lässt sich aber auch eine Umkehr dieses Trends feststellen. Die Covid-19 Situation hat dazu geführt, dass hier ein Umdenken stattfindet. Umso wichtiger, dass dieser positive Trend durch eine umsichtige Raumplanung begleitet wird, die sowohl Wohnen wie Arbeiten umfasst und neue Mobilitätskonzepte aufweist, damit lebenswerte Orte entstehen können.

Boden für Alle
Do 09.12.2020 – Mo 03.05.2021, täglich 10:00-19:00
Architekturzentrum Wien – Ausstellungshalle 2
Museumsplatz 1
1070 Wien
azw.at/boden-fuer-alle/

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