„Indoorpflanzen und Spaziergänge zur Arbeit“

Menschen haben auf Grund ihrer Evolution ein ständiges Naturbedürfnis. Wie auch „Städter“ es schaffen können, die Natur zu genießen, erklärt Wohnpsychologe Dr. Deinsberger-Deinsweger im Interview.

Was raten Sie jenen Menschen, die keinen Garten besitzen und auch keine Grünflächen in der Umgebung vorfinden?

Eventuell führen Spaziergänge am Weg von oder zur Arbeit an Grünflächen vorbei oder man hält sich in den Pausen im Freien auf. Auch deshalb sind die Grünflächen in Großstädten enorm wichtig oder auch straßenbegleitende Bepflanzungen wie Alleen oder dergleichen. Die freien Tage, wie beispielsweise an den Wochenenden, sollte man zumindest teilweise in der Natur verbringen.

Wirken sich Pflanzen in der Wohnung oder im Büro positiv auf das Wohlbefinden aus? Wenn ja: In welchem Ausmaß ist Bürobegrünung zu empfehlen?

Es gibt zahlreiche Studien, die positive Auswirkungen von Pflanzen auf das Wohlbefinden beweisen. Deshalb erfüllen Indoorpflanzen in Großstadtwohnungen einen wichtigen Zweck. Auch Unternehmen sind gut beraten, Büros mit Pflanzen auszustatten. Zuviel ist hierbei kaum möglich. Da wir Menschen die meisten Epochen unserer Evolution ausschließlich in der Natur gelebt haben, zeichnet uns ein ständiges Naturbedürfnis aus. Erst wenn Pflanzen im Weg stehen oder Büroflächen erkenntlich verkleinern, sollte man die Menge reduzieren.

Welche Pflanzen empfehlen Sie?

Über die Frage, welche Pflanzen aus wahrnehmungspsychologischer Sicht am dienlichsten sind, gibt es kaum Studien. Aber biologische Vielfalt sorgt immer für Abwechslung der Stimuli – was sich auf das Wohlbefinden positiv auswirkt. Man kann Pflanzen auch mit anderen Naturelementen kombinieren. Beispielsweise das Element Wasser, falls möglich, oder Materialien wie Naturstein, Holz oder auch natürliches Licht helfen unter anderem mit, positive Stimuli zu generieren.

Wenn Unternehmen Büroräumlichkeiten verstärkt mit Pflanzen dekorieren, können sie dann mit Leistungssteigerungen bei den Mitarbeitern rechnen?

Naturwahrnehmungen wirken anregend und entspannend zugleich. Sie verbessern nachweisbar die Konzentrationsfähigkeit und üben im Regelfall auch einen positiven Effekt auf Motivation aus. Während kurzer Arbeitspausen kann sich ein Blick auf die Indoornatur eines Büros durchaus positiv auswirken. Vor allem für Büroangestellte, die beim Blick aus dem Fenster nur „grau in grau“ wahrnehmen, sind Pflanzen umso wichtiger. Man darf aber die Wirkung der Indoorpflanzen auch nicht überschätzen. Die Wirkungen sind zwar nachweisbar, Wunder darf man sich allerdings keine erwarten. Für ein positives Arbeitsklima sind noch viele weitere räumliche und soziale Aspekte mitverantwortlich. Zur Leistungssteigerung oder Verbesserungen des Arbeitsklimas braucht es im Regelfall ein ganzes Bündel an Maßnahmen.

Hat auch Fassadenbegrünung positive Auswirkungen?

Für die Raum- und Gebäudeplanung – und hier vor allem in Großstädten – ist es in jedem Fall empfehlenswert, an Grünflächen zu denken. Mehr Natur zwischen Beton bedeutet Entspannungsförderung, Erholungseffekte, Stressreduktion und Reduktion von Reizbarkeit der Menschen. Dies wirkt sich auch langfristig auf das positive Zusammenleben der Menschen aus. Die Wahrnehmung der Natur mildert auch die negativen Auswirkungen von Lärm. Vor allem an dicht verbauten Plätzen, wo es nicht mehr möglich ist neue Grünflächen anzulegen, ist vertikale Begrünung der Hausfassaden eine sehr empfehlenswerte Lösung. Bisherige psychologische Untersuchungen lassen vermuten, dass Vertikalbegrünung die Wahrnehmung der gesamten Umwelt positiv beeinflusst.

 


 

Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger – Wohnpsychologe

Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger
Hat ein interdisziplinäres Studium zu den Themen „Wohnbau“ und „Psychologie“ absolviert und kombiniert heute in seiner Lehrtätigkeit an mehreren Universitäten seine Expertise in diesen beiden Gebieten.

Im Wohn-Portal betrachtet er Wohnbauthemen durch die wissenschaftliche Brille und hebt dabei viele psychologische Facetten hervor, an die man sonst nicht denkt.

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