Haus im Stadl

Wie aus einem baufälligen Stadl ein architektonisches Juwel wurde, das modernsten Wohnkomfort mit traditionellen Werten verbindet. Ein Projekt mit Vorzeigecharakter für viele ländliche Gemeinden.

Die klassischen Straßendörfer des Weinviertels zeichnet ein wunderbarer Charakter aus, und für Neuaigen bei Tulln gilt das ganz besonders. Die Nähe zur Donau sorgt gemeinsam mit dem außerordentlich gepflegten Ortskern dafür, dass an einem schönen Sommertag eine geradezu mediterrane Atmosphäre aufkommt. Hier ist zweifellos ein guter Ort zum Leben, und es wäre schade, wenn sich daran etwas ändern würde. Allerdings zieht es die meisten Bauherren eher in die Neubaugebiete. Den eigenen Wohntraum ohne Kompromisse planen zu können, klingt einfach attraktiver, als die Sanierung eines alten, vielleicht sogar ein wenig baufälligen Objektes zu wagen. Tatsächlich stellt eine Revitalisierung architektonisch wie kostenmäßig meist die deutlich größere Herausforderung dar. Die Folge daraus ist allerdings, dass Ortskerne langsam verfallen und die Seele der Gemeinden verloren geht.

Deshalb lässt sich das Projekt von Maria Rienössl gar nicht wertvoll genug einschätzen. Gelang es ihr und dem Architekten Wolf Reicht doch, ein wunderbares Beispiel zu verwirklichen, wie sich zu vertretbaren Kosten frisches Leben und herausragende moderne Architektur in einem traditionellen Ortskern verwirklichen lassen. Dabei war dieser Weg der Bauherrin keineswegs vorgezeichnet. Sie wurde als Tochter von Nebenerwerbsbauern in Neuaigen geboren, ging dann allerdings zum Studium nach Wien und fühlte sich nach dem Abschluss auch viele Jahre in der Großstadt wohl. Als der 80 Jahre alte Stadl auf dem Hof der Eltern einsturzgefährdet war und nach Taten verlangte, machte sie sich mit Freunden an eine Sanierung, ohne große Hintergedanken an eine spätere Nutzung.

Eigentlich wollten wir nur das Gebäude retten und später eventuell Feste darin feiern.

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Wenn der Zufall Regie führt

Es sollte allerdings ganz anders kommen. Eines Tages lud sie einen befreundeten Fachmann ein, um ihn um seine Meinung zu fragen. Der international renommierte Architekt Wolfgang Reicht widmet sich sonst zumeist Großprojekten in China, meldete sich aber bereits kurze Zeit später mit einer zündenden Idee, die er gleich in einem 3D-Modell präsentierte, das im Wesentlichen schon dem schließlich verwirklichten Projekt entsprach.

Eigentlich wollte ich ja gar nicht bauen, hatte deshalb auch keine Vorgaben oder Vorstellungen. Aber die Ideen des Architekten faszinierten mich und so bin ich halt doch noch zur Hausbesitzerin geworden.

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Auf diese Weise fand die Wien-Aussiedlerin wieder in ihren Heimatort zurück. Das Haupthaus teilen sich Mutter und Schwester, ein mit viel Gefühl und Sachverstand gepflegter Garten bildet einen fließenden Übergang zwischen den Wohneinheiten.

Stadl bleibt Stadl

Die Grundidee des Architekten ist ebenso simpel wie genial: Ein Haus im Stadl. Die äußere Form sollte erhalten bleiben, keine zusätzlichen Fenster die ursprüngliche Erscheinung stören. Das Licht kommt durch die ehemaligen Scheunentore, außerdem bringen ein mittig angeordnetes Atrium und Fenster im Scheunendach eine helle, freundliche Atmosphäre im gesamten Wohnbereich. Nachdem der Bauherrin 80 m2 Wohnfläche genügen, konnte auf den durchaus möglichen Ausbau eines Obergeschosses verzichtet werden. Eine zwischen Mauerwerk und Stadlwänden eingebrachte Wärmedämmung liefert optimale Energiewerte. Zusätzlich sorgt natürlich der nicht genutzte Dachstuhl für thermischen Ausgleich im Sommer wie im Winter. Mit einer Luft-Wärmepumpe und kontrollierter Wohnraumbelüftung befindet sich die Haustechnik auf dem modernsten Stand. Moderne Akzente setzen die Fassadenelemente aus poliertem Aluminium. Sie sorgen dafür, dass sich die Umgebung im Gebäude spiegelt und sich das Erscheinungsbild aus jedem Blickwinkel und bei jedem Wetter verändert. Von der Initialzündung des Architekten bis zum Baubeginn vergingen dann allerdings etwa zwei Jahre. In dieser Zeit wurde auch die Raumaufteilung mehrmals überdacht. Als sich Maria Rienössl schließlich bereit fühlte für den doch erheblichen Einschnitt in ihre Lebensweise, stellte sich noch vor Baubeginn heraus, dass die Aufgabenstellung durchaus anspruchsvoll war.

Es war gar nicht so leicht, Baufirmen zu finden, die sich über das Projekt drübergetraut haben. Wir hatten wirklich großartige Handwerker auf der Baustelle. Obwohl es sich um kein alltägliches Projekt handelte, kam es bei der Durchführung zu keinen unliebsamen Überraschungen.

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Immerhin musste der Naturboden innerhalb der Scheune ausgegraben werden, um ein Fundament für das Haus einfügen zu können. Beim Stadl selber wurden hingegen nur die morschen Bretter getauscht und die Dachkonstruktion verstärkt, um die Brandschutzbestimmungen zu erfüllen. Am Ende war die Bauherrin sogar überrascht, wie klaglos die Errichtung dieses ungewöhnlichen Hauses über die Bühne ging.

Da bei der Gestaltung ausschließlich hochwertige Materialien und Lösungen zum Einsatz kamen, entstand kein Preisvorteil durch den „Unterschlupf“ des Neubaus im alten Stadl.

Eigentlich hatte ich ein eigenes Haus nicht in meiner Lebensplanung, und schon gar nicht ein so aufwändiges Projekt. Aber ich bereue nichts. Ein Fertighaus wäre sicher billiger gekommen, ich wäre jedoch auch nicht so zufrieden wie jetzt.

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    Haus im Stadl – Daten

    Bauzeit: Planungsbeginn 2016, Fertigstellung Frühjahr 2018.
    Wohnnutzfläche: 80 m2 Wohnfläche.

    Baukosten: Etwa 350.000 Euro bei Verwendung sehr hochwertiger Materialien und ohne jede Eigenleistung. Da der Grund des Stadls bereits als Bauland genehmigt war, entfiel eine Umwidmung.

    Planung: Wolf Reicht Architects
    Herrengasse 6-8, 1010 Wien
    Tel. 01/532 30 10
    office@wolfreicht.com
    www.wolfreicht.com

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