Das hundertjährige Heim

Eine Grazer Familie bewohnt nun schon in vierter Generation dasselbe Haus. Es wurde mit bemerkenswerten Lösungen erweitert und bietet nun modernsten Wohnkomfort für die nächsten Jahrzehnte.

Das Siedlungshaus war bereits gut 100 Jahre alt. Früher befand es sich ganz im Grünen, mit den Jahren ist Graz rundherum gewachsen, sogar eine Straßenbahnlinie führt heute in das Viertel. Als der Großvater von Alexander Krischner starb und die Großmutter lieber in eine zentrumsnahe Wohnung ziehen wollte, stellte sich die Frage, was mit dem spürbar in die Jahre gekommenen Objekt geschehen solle.

Alexander Krischner: „Die logische Lösung wäre gewesen, das Haus abzureißen, um das recht große Grundstück besser verwerten zu können.“ Denn geht es ausschließlich um die Kostenrechnung, zahlt es sich kaum aus, ein hundertjähriges Einfamilienhaus zu erhalten, das nach den damals deutlich geringeren Qualitätsstandards errichtet wurde. Alleine die pure Sentimentalität sprach gegen den Abriss, und nun wohnt mit dem Baby von Krischners Schwester inzwischen die vierte Generation in dem komplett revitalisierten und nach aktuellen Bedürfnissen erweiterten Haus.

Alexander Krischner - Bewohner des 100-jähriges Hauses

Aber es war nicht nur Sentimentalität, die dem schlichten Zwischenkriegsobjekt das Überleben sicherte. Alexander Krischner befindet sich kurz vor dem Abschluss seines Architekturstudiums und fand die Aufgabe reizvoll, aus dem Haus der Großeltern ein modernes Heim für die Familie seiner Schwester zu schaffen. Der Umbau ist sein erstes in die Realität umgesetztes Projekt – und das lässt auf einiges Talent schließen, weil es unkonventionelle gelungene Lösungen zeigt.

Radikaler Schnitt

Zuerst fällt die strikte Trennung zwischen Altbestand und dem Anbau auf, der die Wohnfläche etwa verdoppelt. Für Erweiterungen stehen zwei gegensätzliche Lösungsansätze zur Verfügung. Wer versucht, den Neubau dem Altbestand möglichst konform anzupassen, steht vor dem Problem, dass sich die Baustile unterschiedlicher Epochen nur selten zu einem gelungenen neuen Ganzen zusammenführen lassen, was am Ende zu einem ungeschickt wirkenden Resultat führen kann. Wie dieses Beispiel zeigt, lässt sich ein optisch hochwertiges Gesamtbild leichter verwirklichen, wenn der Anbau in der Formgebung für sich stehen darf. Alexander Krischner entschied sich in diesem Sinne für eine radikale und doch ästhetisch wirkende Bruchlinie.

Der besondere Reiz des Entwurfes besteht darin, dass die Form des ursprünglichen Gebäudes weitergeführt, aber sowohl bei der Gestaltung wie in den Materialen ein moderner Weg eingeschlagen wurde. Krischner: „Uns allen war bei der Umsetzung die allgemeine Nachhaltigkeit sehr wichtig. Warum soll ich ein altes Gebäude wegreißen, wenn es sich so optimieren lässt, dass es weiterhin seinen Zweck erfüllen kann? Beim Anbau entschieden wir uns klar für Holz. Das ist ein heimischer, nachwachsender Rohstoff, von dem derzeit mehr nachwächst, als verbraucht wird.“

Klassisches Mauerwerk und Ziegeldach treffen auf eine Holzkonstruktion, die straßenseitig eher wie eine Scheune als ein Wohngebäude wirkt. Verbunden werden die beiden Baukörper durch einen eleganten Glasstreifen, der vom Boden bis zur Dachspitze führt.

Außenansicht des 100-jähriges Hauses

Innenraum

Im Wohnbereich ist der Übergang dagegen kaum spürbar. Der helle und großzügige Wohn-Ess-Küchenbereich erstreckt sich über Altbestand und Anbau, nur ein paar Stufen erinnern daran, wo das Alte aufhört und das indem im Untergeschoß die Südfassade durch eine aufwändige Stützkonstruktion ersetzt wurde. Die freundliche Atmosphäre des Wohnbereichs wurde durch Glasfronten, die bis zum Boden reichen, und eine Loggia erzielt, die den Garten mit dem Wohnbereich verbindet.

Wohnbereich des 100-jähriges Hauses

Krischner: „Im Haus meiner Großeltern war der Garten nur durch die Haustüre zu erreichen, das wäre heute völlig undenkbar.“ Im Bestandsobjekt blieb die Raumaufteilung erhalten, allerdings wurde das Gebäude komplett entkernt. Elektroleitungen und Sanitärinstallationen samt Fußbodenheizung kamen neu, die Kastenfenster durften – allerdings aufwändig saniert – bleiben, um den historischen Charakter zu betonen.

Stiegenaufgang aus Holz im 100-jähriges Haus

Im Obergeschoß behielten die Räume ihre ursprüngliche Größe. Heute sind hier zwei Kinderzimmer untergebracht, die ehemalige Terrassentüre dient nun als Abgrenzung zum Eltern-Schlafzimmer im Anbau. Wobei der Begriff Schlafzimmer viel zu kurz greift. Es handelt sich vielmehr um einen abgeschlossenen Wohnbereich, in dem Schlafstelle, Schrankraum und Bad auf attraktive Weise ineinander übergehen, und selbst eine eigene Terrasse steht den Eltern nun zur Verfügung. Von der Badewanne aus lässt sich ein freier Blick nach draußen genießen, der ungestört bleibt, weil das Atrium durch eine zwei Meter hohe Wand begrenzt wird. Zudem schafft die durchgehende Verglasung ein lichtdurchflutetes Raumgefühl. Krischner: „Der Gedanke war, einen eigenständigen Ruhebereich mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen – sozusagen eine Eltern-Suite mit dem Komfort eines 5-Sterne-Hotelzimmers.“

Schlafzimmer des 100-jähriges Hauses

Apropos fünf Sterne: Man merkt dem Objekt nicht an, dass der Umbau mit hohem Kostenbewusstsein durchgeführt wurde. „Wir haben bei der Planung stets die Alternativen evaluiert. Punkt für Punkt haben wir den Nutzen gegenüber den zu erwartenden Kosten abgewogen.“ Beispiele? Der Ausschnitt für das Atrium im Obergeschoß des Baukörpers dient nicht nur dem Komfort, sondern reduziert auch die Wohnfläche auf ein vernünftiges Maß. Und die Kellerwände wurden nur teilweise gegen die ohnehin geringfügig auftretende Feuchtigkeit isoliert, da der Keller durch seine Raumhöhe von nur knapp über zwei Metern nur bedingt nutzbar ist.

Küche und Essbereich im 100-jähriges Haus

Das Erstaunlichste an diesem Umbau ist jedoch, dass man im Inneren niemals vermuten würde, aus welcher Zeit die Substanz stammt. Alexander Krischner: „In der ursprünglichen Fassung des Hauses gab es ja nicht einmal ein Badezimmer.“ Heute zeigt sich das hundertjährige Haus allerdings voll fit für die nächsten Generationen.

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Daten

Bauzeit: Baubeginn Juli 2018, Fertigstellung Mai 2019.

Wohnnutzfläche: Wohnfläche Bestand 105 m2, Wohnfläche Anbau 98 m2.

Baukosten: Sanierung Altbestand ca. 100.000 Euro. Neubau ca. 260.000 Euro. Außenanlagen ca. 40.000 Euro. Gesamtkosten: ca. 1.970 Euro/m2.

Planung: Alexander Krischner, Stempfergasse 1, 8010 Graz, Tel. 0664/418 81 51, www.krischner.at

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