Hang zum Sparen

Unser Beispiel aus dem Linzer Umland beweist, wie sich mit guten Ideen auch in extrem schwierigen Lagen ebenso komfortabler wie kostengünstiger Wohnraum realisieren lässt.

Die Errichtung eines Eigenheimes im Grünen wird immer teurer, und das hat einiges mit den aktuellen Grundstückspreisen zu tun. Speziell in urbanen oder stadtnahen Lagen sind Baugründe rar und dementsprechend kostspielig geworden. Bei begrenztem Budget können angehende Bauherren daher leicht in die Situation kommen, über Kompromisse und Abstriche von den Idealvorstellungen nachdenken zu müssen.

So erging es auch der Familie Steiner/Ratzenböck, als sie nach einigen Jahren Entwicklungshilfearbeit in Afrika wieder in ihrer Heimat sesshaft werden wollte. Iris Steiner: „Wir sind beide gebürtige Mühlviertler, lebten aber einige Zeit in Linz. Daher wollten wir, dass unsere Kinder ebenfalls im Grünen aufwachsen können. Als wir uns auf die Suche begaben, mussten wir feststellen, dass alle halbwegs geeigneten Grundstücke entweder sehr teuer oder recht weit außerhalb waren.“

Schließlich tauchte ein Inserat auf, fast zu schön, um wahr zu sein: Knapp 1.800 Quadratmeter Fläche, nur wenige Fahrminuten von der Stadtgrenze entfernt, Preis deutlich unter 100.000 Euro. Der Haken an der Sache wurde den Bauherren deutlich, noch bevor sie aus dem Auto gestiegen waren. Das Grundstück zeigte praktisch alle Eigenschaften, um Interessenten schon im Vorfeld verlässlich abzuschrecken. Der extrem steile Nordhang, an drei Seiten von dichtem Wald umgeben, schien eher für einen Schilift als für ein Einfamilienhaus geeignet zu sein. Weitere Einschränkung: Nur 550 Quadratmeter ließen sich als Bauland verwenden, der Rest war Grünland bzw. Wald.

Haus am Hang

Vorteil schwieriger Lagen

Allerdings begleitete der Linzer Architekt Gerald Anton Steiner die Bauherren, und der Bauprofi sah sich mehr in seiner Kreativität herausgefordert als von den Umständen entsetzt. „Kaufpreis und Stadtnähe waren wirklich sehr interessant. Außerdem hatte ich bereits bei der ersten Besichtigung eine klare Idee, wie sich selbst unter diesen schwierigen Bedingungen kostengünstiger und qualitativ hochwertiger Wohnraum verwirklichen ließe. Der Entwurf wurde mehr oder weniger durch den Hang vorgegeben.“

Daraus können alle Bauherren lernen: Bei schwierigen Lagen kann es durchaus von Vorteil sein, wenn man frühzeitig einen Architekten hinzuzieht, der bereits vor dem Kauf ein Konzept für den späteren Bau entwickelt. Denn die Grundidee von Gerald Anton Steiner stellte sozusagen die traditionelle Raumordnung von Eigenheimen auf den Kopf.

Leben in der Küche im Haus am Hang

Das kompakte Gebäude wurde auf drei Geschoße aufgeteilt und konsequent in den Hang gesetzt. Der gemeinsam genützte Bereich – Küche, Essplatz und Wohnzimmer – ist im obersten Stockwerk untergebracht, also ganz im Gegensatz zu normalen Einfamilienhäusern. Darunter sind die Schlafräume und das Bad angeordnet. Da diese Ebene an der Rückseite tief im Erdreich steckt, plante der Architekt dort einen parallel zum Hang verlaufenden Verbindungsgang ein, der die benötigten Stauräume und die Waschküche aufnimmt. Keller und Garage befinden sich auf Straßenniveau.

Selbst im dritten Stock brauchte es noch immer eine Stützmauer, um Abstand zum Hang zu schaffen. Trotzdem ließ sich auf der gemeinsam genützten Ebene sehenswerte Wohnqualität ohne Abstriche verwirklichen. Durch den Höhengewinn ist hier eine südseitige Ausrichtung des Wohnbereichs möglich. Die allseitige Abgrenzung der Terrasse ermöglicht an warmen Tagen einen angenehm fließenden Übergang zwischen drinnen und draußen. Zusätzlich wurde auf dem Dach des Hauses eine weitere Terrasse vorgesehen, von der man einen atemberaubenden Ausblick auf das Donautal hat. Im Wohnraum wurden Sitzfenster mit niedrigen Fensterbänken zum Genießen der Aussicht angelegt.

Leben im Wohnzimmer im Haus am Hang

Ein weiterer Vorteil der Hanglage: Alle drei Ebenen lassen sich direkt vom Garten aus begehen, und im Winter haben die Kinder ein Rodelparadies direkt vor der Haustüre. Überhaupt soll auf dem Großteil des ausgedehnten Grundstücks die Natürlichkeit einer Almwiese bewahrt werden, und der eigene Waldanteil wird in Zukunft mit Sicherheit helfen, die Heizkosten zu senken.

Beträchtlicher Mehraufwand

Der Preisvorteil beim Grundstückskauf wurde natürlich durch den Mehraufwand beim Bau teilweise wieder aufgewogen. Fotos der Bauherren zeigen, dass die ersten Wochen nichts für schwache Nerven waren. Die Baugrube wurde an ihrer tiefsten Stelle 15 Meter in den Hang gegraben, dementsprechend massiv mussten auch Außenmauern und Isolierung ausgelegt werden. Das umgebende Erdreich sorgt nun allerdings auch für perfekte Wärmedämmung in diesem Bereich. Gerald Anton Steiner: „Bei so schwierigen Bausituationen braucht man Gewerke, die für Extremsituationen gerüstet sind. Auch sollte man mit dem Budget nicht ans Limit gehen und Rücklagen für nicht vorhersehbare Mehrkosten haben.“

Aushub am Hang

Das Gesamtkonzept des Hauses wirkt gemütlich, aber auch reduziert auf das Wesentliche. Andreas Ratzenböck: „Wir wollten kein Luxushaus, sondern ein gemütliches, praktisches Heim zu möglichst geringen Kosten.“

Zur Umsetzung dieser Gedanken führte der Architekt getrennte Interviews mit den Familienmitgliedern, um den Bedarf an Flächen und Stauräumen optimal bestimmen zu können. Am Ende wurde das Ziel erreicht, dass die Entstehungskosten nicht höher als bei vergleichbaren Reihenhäusern in der Umgebung liegen sollten – aber mit deutlich höherer Wohnqualität und einem eigenen, naturnahen Lebensraum. Zu dieser ebenso klugen wie pragmatischen Herangehensweise gehört auch, dass die Bauherren vorläufig einmal auf die letzten Schritte zur Perfektion verzichtet haben und zum frühesten Zeitpunkt eingezogen sind. Andreas Ratzenböck: „Schöne Lampen und Möbel werden wir uns leisten, wenn sich unser Konto wieder erholt hat.“

Haus am Hang

Daten

  • Bauzeit: Baubeginn Juni 2017, Fertigstellung Oktober 2018.
  • Wohnnutzfläche: 135 m2 Wohnfläche auf zwei Ebenen + 70 m2 Garage und Abstellräume.
  • Baukosten: Der Grundstückspreis lag bei 64.000 Euro für 550 m2 Baugrund + 800 m2 Grünland + 400 m2 Wald. Durch Hanglage bedingte Mehrkosten: ca. 70.000 Euro. Gesamtkosten: ca. 2.800 Euro/m2.
  • Planung: DI Arch. Gerald Anton Steiner, 4020 Linz. Tel. 0732/99 70 540, office@geraldantonsteiner.at, www.geraldantonsteiner.com

 

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