„Alles aus Stroh? Sowieso!“

Wie man aus Stroh, Lehm und Holz ein fünfstöckiges CO2-neutrales Haus baut, erklärt Architekt Peter Schubert im Interview mit dem Wohn-Portal.

Aus welchen Materialien besteht das StroHaus?

Die Wände sind aus Massivholz. Gehäckseltes Weizenstroh wird als Dämmmaterial verwendet. Jene Außenmauer, die das StroHaus vom Nachbargebäude trennt, muss aus feuerpolizeilichen Gründen aus Stahlbeton errichtet sein. Ebenso wird das Stroh mit einer Brandschutzplatte geschützt.

Welche ökologischen Standards erfüllt das StroHaus?

Stroh ist aus ökologischer Sicht das perfekte Dämmmaterial. Ganz im Gegensatz zum Wegwerfprodukt Styropor ist Stroh recyclebar, kommt aus heimischer Landwirtschaft, verursacht somit nur kurze Transportwege und bindet CO2. Ähnliches gilt auch für das Massivholz, das wir beim Bau verwenden. Wenn wir dieses StroHaus mit einer Mahlzeit vergleichen, dann servieren wir biologische Rohkost – ohne chemische Zusätze. Unser Ziel lautet, eine CO2-neutrale Wohnimmobilie zu bauen.

Wie wirkt sich Stroh auf die Gesundheit der Bewohner aus?

Zahlreiche Bewohner von strohgedämmten Häusern berichten, dass sich Allergien und Atemwegserkrankungen gebessert haben. Bei der Luftfeuchtigkeit erreichen Häuser mit Strohdämmung Idealwerte. Durch die Bauweise mit natürlichen Stoffen verbessert sich in jedem Fall das Wohlbefinden der Bewohner, was sich auch positiv auf die Gesundheit auswirken kann.

Visualisierung Strohhaus von capital [ A ] architects

Ist das StroHaus in dieser Form komplett neu?

Mit dieser Kombination aus Massivholz und Stroh zur Einblasdämmung, wobei das gehäckselte Stroh zwischen die Holzwände gepresst wird, sind wir innovativ und einzigartig. Es handelt sich beim StroHaus um ein Showcase, der hoffentlich sehr viele Nachahmer findet. Stroh hat als Dämmmaterial sehr viel Tradition, die bis in die Steinzeit zurückgeht. Heute wird Stroh vor allem in Frankreich häufig zur Dämmung eingesetzt, weil es dort aufgrund der starken landwirtschaftlichen Aktivitäten im Überfluss vorhanden ist. Holz hat als Baumaterial ebenso Tradition. In Skandinavien stehen Holz-Kirchen schon seit 1.000 Jahren. Beton, Gips, Ziegel oder vor allem Styropor sind dagegen deutlich jünger. In den vergangenen Jahrzehnten ging leider viel Know-how über das Bauen und Dämmen mit Holz und Stroh verloren. Dies gilt es jetzt, in Zeiten des Klimawandels und steigendem Ökobewusstseins, wieder zurückzugewinnen.

Stößt diese Bauweise irgendwann auch an ihre Grenzen?

Ich sehe Holz als geeignetes Baumaterial für Wohngebäude mit bis zu sechs Geschoßen – was auf das Gros der Immobilien zutrifft. Höhere Gebäude benötigen zur Stabilisierung und zum Brandschutz erhebliche Mengen zusätzlicher Baustoffe wie Stahlbeton. Wenn man sich künftig beim Neubau häufiger für Holz mit Strohdämmung entscheidet, setzt man Meilensteine in Sachen Ökologie. Keine anderen Bau- und Dämmstoffe bieten vergleichbar viel Wärme, Stabilität, Atmungsfähigkeit und schneiden in der CO2-Bilanz annähernd so gut ab.

Wie wird die Ökobilanz nach dem Bezug der Wohnungen aussehen?

Das StroHaus wird mit einer Photovoltaik-Anlage am Dach und einer Wärmepumpe einen Großteil des Heiz- und Strombedarfs autark generieren. Auf den Bau einer Autogarage wurde verzichtet, aber dafür gibt es Fahrradplätze. Autofahrer können aber einen Garagenplatz in der unmittelbaren Umgebung anmieten.

Welche Unterschiede gibt es bei der Bautätigkeit mit Stroh beziehungsweise Beton?

Ein großer Vorteil beim Stroh: Das Baumaterial ist regional verfügbar. Der Rohbau einer Stroh-Holzkonstruktion ist sehr rasch erstellt, da die Einzelteile als ganze geliefert werden und die Zeit fürs Betonieren und Trocknen wegfällt. Ein weiterer Vorteil liegt auch in der höheren Flexibilität. Holzwände mit Stroh als Einblasdämmung können verschiedenste Maße annehmen, während bei Stahlbeton oder vor allem bei Ziegeln die Dicke der Wände vorgegeben ist. Noch größer sind die Unterschiede beim Abriss eines Holzbaus im Vergleich zu einem Betonbau. Die natürlichen Materialien Holz und Stroh können zur Gänze kompostiert oder wiederverwendet werden, was die Ökobilanz während des gesamten Immobilienlebenszyklus nochmals deutlich verbessert.

Über das StroHaus

DI Peter Schubert (Geschäftsführer von capital [ A ] architects) möchte in Wien Döbling das erste fünfstöckige Strohhaus des Landes errichten. Laut seinem Plan sollen vier Wohnungen und ein 70 Quadratmeter großes Büro in einem Gebäude, gebaut aus Weizenstroh, Lehm und Massivholz, entstehen. Der Baubeginn ist für Frühjahr 2020 geplant. capital [ A ] architects ist offen für Projektentwickler und Bauträger als Partner für die Umsetzung des StroHauses.

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Ein Kommentar

  1. Gut so weitermachen, vielleicht schaffen wir in Österreich au h in ein paar Jahren, was in Frankreich bis 10 Geschosse schon seit längerem möglich ist. Toi toi toi Erwin Schwarzmüller DI
    Arbeiter an der ökologisch-sozialen Balance

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