Lern- und Arbeitsplätze zuhause

Räumliche Einflüsse auf Motivation, Stimmung, Lern- und Arbeitsbereitschaft, Konzentration.

In nahezu jeder Wohnung befindet sich auch ein (temporärer) Arbeits-, Computer- oder bei Schülern ein Lernplatz, bei vielen auch eine Leseecke oder zumindest ein Bereich, wo wir uns konzentriert etwas widmen möchten.

Sie stellen allesamt Bereiche für kognitive Tätigkeiten dar, die unter bestimmten räumlichen Voraussetzungen besser oder schlechter funktionieren. Abseits von bekannten Einflussfaktoren wie Lärm oder Ablenkung durch Mitbewohner gibt es noch weitere erwähnenswerte raum- und wahrnehmungspsychologische Aspekte.

Sensorisch-kognitive Ebene

Die sensorisch-kognitive Ebene beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Sinneswahrnehmungen, Nervensystem und Gehirn. Als erstes muss uns dabei bewusst werden, dass diese drei – Sinnesorgane, Nervensystem und Gehirn – ein großes zusammenhängendes System bilden.

Alles, was wir über unsere Sinne aufnehmen, wirkt auch auf unser Nervensystem und Gehirn – und damit auch auf unsere Konzentrations- und Lernfähigkeit, unsere Leistungsbereitschaft und Motivation. Dabei geht es vor allem um die Vielzahl an Stimuli (= Sinnesreize), die wir entweder bewusst oder unbewusst wahrnehmen.

Bewusste und unbewusste Wahrnehmung

Bewusste Wahrnehmung: Nicht alles, was wir bewusst wahrnehmen, wird unbedingt zu einer Ablenkung. Eine Ablenkung ist im Regelfall etwas, was unsere Aufmerksamkeit direkt einfordert / erzwingt.

Distraktion nennt sich der Begriff, der für all jenes steht, was unsere Aufmerksamkeit von dem, auf das wir uns konzentrieren wollen, wegzieht / abzieht. Dazu zählen Tiere und andere Menschen oder sich bewegende Objekte wie Fahrzeuge. Distraktiv wirken auch alle auffälligen Sinnesreize, vor allem solche mit Signal- oder Alarmcharakter wie laute oder ungewohnte Geräusche, optische Signale (wie Leuchtreklame) etc.

Empfehlung

Situieren Sie den Arbeits-/Lernplatz so, dass Sie nicht in eine Richtung blicken müssen, wo regelmäßig Personen, Tiere oder Fahrzeuge zu sehen sind. Selbst wenn sie nicht laut oder sonderlich auffällig sind, werden sie automatisch zu einer Distraktion – wir müssen gleichsam hinsehen.

Bei der unbewussten Wahrnehmung geht es um all jene Stimuli, die auf uns einströmen, von unseren Sinnesorganen empfangen werden, aber nicht in jene Bereiche des Gehirns weitergeleitet werden, die für die bewusste Wahrnehmung zuständig sind, sondern in viele andere Regionen. Und dies stellt den weitaus größeren Anteil dar.

Stimuli als Grundnahrungsmittel

Stimuli, die wir aus unserer Umwelt empfangen, bilden das Grundnahrungsmittel für unser gesamtes sensorisch-kognitives System. Die richtige Qualität und Quantität an Stimuli (sensorische “Nahrung”) wird von Neurowissenschaftlern maßgeblich für die Funktionsfähigkeit des gesamten Systems verantwortlich gemacht.

Kaum bekannt ist jedoch die Tatsache, dass auch ein Mangel an Stimuli die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen kann. Das heißt, wenn man einen Raum bewusst karg gestaltet in der Hoffnung, dass man weniger abgelenkt wäre und sich dadurch besser konzentrieren könne, so wird dies nicht bzw. nur kurzfristig funktionieren. Der Grund dafür liegt darin, dass Sinne und Gehirn die richtige “Nahrung” brauchen – doch wie sieht diese aus?

Das ideale Stimulationsniveau ist jenes, an das wir von Natur aus angepasst sind – die Natur selbst. Natur (insbesondere mit Pflanzen) hat eine scheinbar paradoxe Doppeleigenschaft: sie wirkt anregend und entspannend zugleich – also ideal für kognitive Tätigkeiten.

Der ideale Wahrnehmungsraum besteht folglich aus natürlichen Elementen: vor allem Pflanzen, aber auch Wasserflächen oder bewegtes Wasser, Natursteine und anderes mehr.

Empfehlung

Empfehlenswert ist es, wenn vom Lern- oder Arbeitsplatz ein direkter Blick in einen naturnah gestalteten Bereich möglich ist, beispielsweise in einen Garten. Wenn dies nicht möglich ist, dann kann man sich teilweise mit Zimmerpflanzen und einer etwas vielfältigeren Raumgestaltung behelfen.

Auch Bilder können helfen: es müssen nicht immer realistische Naturaufnahmen sein, sondern es sind auch andere Motive möglich, die in ihrer Qualität und Quantität an Stimuli der Natur nahe kommen. Wie sieht es mit Tieren bzw. Tiermotiven aus? Bei diesen konnte dieser Effekt nicht nachgewiesen werden, häufig wirken sie eher ablenkend. Zu den bis dato bekannten Ausnahmen zählen lediglich Schmetterlinge. (Aber dazu bedarf es noch weiterführender Forschung.)

Pausen

Wir machen während der Arbeit oder des Lernens ständig kleine “Mini-Pausen” – meist ohne dass wir es bemerken. Häufig sind es bloß Sekunden oder Bruchteile davon, in denen wir uns beispielsweise kurz vom Buch oder der Arbeit abwenden und woanders hinblicken.
Bei Untersuchungen ist man drauf gekommen, dass es nicht egal ist, wohin wir dabei blicken. Im Vergleich zwischen einem Blick auf eine weiße Wand und einem Blick in einen vielfältig gestalteten Bereich (z.B. ins Freie) zeigte sich, dass sich bei letzterem die Konzentrationsfähigkeit wieder leicht verbessert – bei ersterem hingegen nicht, dort nimmt sie weiter stetig ab.

Resümee

Zusammengefasst ist von einem Arbeits- oder Lernplatz aus der Blick in einen vielfältig gestalteten Garten ideal. Ein gleichförmig angelegter sortenreiner Rasenteppich weist hingegen eine deutlich geringere Wirkung auf. Er ist in dieser Hinsicht kaum besser als der Blick auf einen Kunstrasen oder eine grün bemalte Betonfläche.

Darüber hinaus sind noch weitere raumpsychologische Einflussgrößen von Bedeutung, wie der Einsatz von Sonne, Tages- und Kunstlicht, ergonomische Möblierung und diverse weitere Behaglichkeitsfaktoren. In Summe könnten diese Faktoren es vielleicht sogar schaffen, dass sich beispielsweise Kinder gerne zu ihrem Lern- und Hausübungsplatz setzen bzw. dort etwas länger bleiben.

 


 

Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger – Wohnpsychologe

Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger
Hat ein interdisziplinäres Studium zu den Themen „Wohnbau“ und „Psychologie“ absolviert und kombiniert heute in seiner Lehrtätigkeit an mehreren Universitäten seine Expertise in diesen beiden Gebieten.

Im Wohnportal betrachtet er Wohnbauthemen durch die wissenschaftliche Brille und hebt dabei viele psychologische Facetten hervor, an die man sonst nicht denkt.

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